der tag der nicht endete
der tag der nicht endete begann um vier uhr morgens als
ein körperloses wesen in der wohnung meiner mutter
auf dem flur auf und ab ging
auf und ab und auf und ab
ich konnte es nicht sehen nur spüren ich stand
frierend in der wohnzimmertür ich wollte bloß aufs klo
ging aber zurück zur couch kroch unter die besucherbettwäsche
die sich immer wie ein klammes kettenhemd auf den körper legte
ich stand erst spät auf meine mutter hantierte schon in der küche
brühte kaffee und sprach mit einer schwalbe die im herbst
entschieden hatte nicht nach süden zu fliegen sondern im üppigen
waldgeißblattgestrüpp am balkongeländer zu überwintern
meine mutter fütterte sie bereitete wärmflaschen besprach mit ihr
die politische lage und erzählte mir beim frühstück von der schwalbensippe
und ihren komplizierten verwandtschaftsverhältnissen wer mit wem
und wer mit wem nicht und wer mit wem nie wieder und wie traurig das sei
und dann kam meine mutter umstandslos darauf zu sprechen dass es
besser wäre wenn sie bald stürbe morgen sagte sie oder jetzt gleich sofort
dass doch niemand mehr wissen wolle was sie wisse
dass ihre erinnerungen in der gegenwart gegenstandlos seien
selbst ihre freunde habe sie verloren nach dem tod meines vaters
denn alle hätten immer nur über das wetter
und über das fernsehprogramm reden wollen
nie über das sterben und das sei so todlangweilig gewesen
die meisten seien inzwischen selbst unter der erde erzählte sie
zwischen zwei krümeln brot sie aß kaum noch niemand stehe
an ihren gräbern das hätten sie nun davon sie lachte beinahe
und wandte sich zur weißen wand und fragte oder was denkst du
und als ich fragte mit wem sie da spräche
erwähnte sie eine vor jahren verblichene cousine dritten grades
von der ich bisher nicht mal den namen gehört hatte
ich sagte artig guten tag in richtung der wand
und meine mutter beugte sich zu mir und flüsterte
die cousine räuspere sich immer so aufdringlich man müsse ihr
ein wenig beachtung schenken sonst werde sie impertinent
kümmere dich nicht um sie sagte sie und nahm einen schluck kaffee
und ich traute mich nach dem wesen nachts auf dem flur zu fragen
sie habe nichts bemerkt sagte meine mutter war das vielleicht dein vater
ich weiß es nicht sagte ich sie sagte er komme manchmal vorbei und
beklage dass sie immer noch sein geld ausgebe du weißt die witwenpension
vormittags begleitete ich sie zum arzt herr doktor sagte sie
es wäre gut wenn ich bald stürbe
das darf ich nicht sagte der arzt und verschrieb ihr etwas
draußen warf meine mutter das rezept in den nächsten papierkorb
wir gingen kuchen essen dann wollte sie etwas laufen
wir liefen zwei blocks langsam und mit pausen
danach legte sie sich für ein nickerchen auf die couch sie schlief lange
sie schlief so lange dass ich nachschauen ging
sie war wachsweiß sie atmete nicht ich berührte sie an der schulter
keine reaktion ich hörte mich schon telefonieren
schwestern arzt bestatter da öffnete sie ein auge holte luft
und fragte wie mir der kuchen geschmeckt habe
sie habe sich verschlafen sagte sie sie sagte es wie jemand sagt
er habe sich verirrt sie sagte ich war keine gute mutter
ich protestierte unterbrich mich nicht sagte sie du kannst das
nicht beurteilen du bist keine mutter und wirst nie eine sein
abends kochte ich sie erzählte von krieg und kinderlandverschickung
von ihrem vater der sich einen stammhalter gewünscht habe nicht
bloß ein mädchen und wie ihre mutter sie dann in den keller gesperrt
und sich abgewandt und das licht gelöscht habe
sie aß ein paar happen sprach vom theaterspielen wie sie
meinen vater kennengelernt hatte sie kramte aus einer schublade
voller stifte gummibänder büroklammern das allererste foto hervor
winzig klein vier leute auf einer bühne niemand zu erkennen
die kinder die mühe die jahre die traurigkeit die toten das glück
ich mache den abwasch sagte sie hab ich schon gemacht sagte ich
ach so sie schaute auf sie sagte ich hoffe
dass ich deinen vater bald wiedersehen werde
aber jetzt bin ich müde sie seufzte stand auf und brach zusammen
ich hob sie hoch wie schwer so eine kleine alte frau sein kann
sie war tot aber
sie kam noch mal zurück keinen rettungswagen sagte sie
ich brachte sie ins bett sie stand wieder auf
sie legte sich hin sie setzte sich auf sie konnte
weder liegen noch sitzen noch stehen ich hielt ihre hand
um sie herum war eine art widerstand die zeit steckte fest
ich zog mir einen sessel heran las ihr märchen vor
da wurde es besser mein vöglein mit dem ringlein rot
ich spürte wieder das wesen auf dem flur auf und ab
auf und ab auf und ab ihr atem rasselte leise
und als der tag der nicht endete dann doch noch endete
stand tatsächlich mein vater im raum er fasste die hand
meiner mutter sie lächelte sie sahen genauso aus
wie auf dem allerersten foto und er ging mit ihr nach haus

