Eisenhans

99 Männer. Innenwelt und Außenhaut.

Männer sind in der Diskussion. Wegen toxischer Männlichkeit, wegen häuslicher Gewalt. Wegen der Manosphere. Wegen Pelicot, Weinstein, Epstein. Wegen Pornos, Deepfakes, Machos, Incels.

„Männer sind etwas sonderbar“, hat Herbert Grönemeyer gesungen.

Sind Männer sonderbar? Hat die Gesellschaft ein Männerproblem? Haben Männer Probleme mit Frauen, haben Frauen Probleme mit Männern? Oder haben Männer ein Problem mit sich selbst? Ich will nicht über Männer, sondern mit ihnen reden: Wie betrachten und bewerten Männer sich selbst, ihre Rolle im Privatleben und in der Gesellschaft, wie beurteilen sie ihr eigenes Verhalten? Wie stellen sie sich dar?

Und mit diesen Fragen (und den individuellen Antworten) im Hinterkopf will ich die Männer fotografieren, wenn sie sich selbst von den äußeren Attributen ihres Männlichseins, ihres Status‘, ihrer Uniform, ihrer Rüstung entkleidet haben: Aktaufnahmen.

Es geht um beides, um Innenwelt und Außenhaut.

Das Projekt ist eine künstlerische Annäherung an die Gefühle der individuellen Protagonisten. Sie stehen im Mittelpunkt. Aber ebenso, wie sich eine Gesellschaft aus lauter Individuen zusammensetzt, wird das Eisenhans-Projekt eine gesellschaftliche Realität widerspiegeln.

Ich suche 99 Männer. Männer, mit denen ich zunächst Einzelgespräche führen möchte, in denen ich sie kennenlernen kann und sie mich kennenlernen können und in denen es dann im Wesentlichen um drei Fragen geht:

  • Wie sehen die Männer sich selbst, was ist für sie der Kern ihrer Persönlichkeit?
  • Was bedeutet für sie Männlichkeit, wie wichtig sind ihnen maskuline Attribute?
  • Wie definieren sie ihr Verhältnis zu Frauen? (Diese Frage will ich auch queeren Männern stellen.)

Aus dem, was die Männer dazu zu sagen haben, destillieren wir zusammen drei Sätze. Die Aussagen werden nicht zensiert.

Zusätzlich wird notiert:

  • Vorname (evtl. Pseudonym, wenn ja, als solches gekennzeichnet),
  • Alter,
  • sexuelle Orientierung (sofern die Männer sie nennen wollen).

Anschließend bitte ich die Männer zu Fototerminen, in meinem Atelier oder bei ihnen zu Hause, in der Stadt oder in der Natur. Zu den Motiven, zur Beleuchtung etc. gibt es keine Vorgaben, das entscheide ich je nach Person und Situation. Möglich sind Ganzkörperbilder, Halbakte oder Detailaufnahmen. Die Bandbreite wird von fast ganz bis zu gar nicht bekleideten Männern reichen. Eine Erkennbarkeit der einzelnen Person ist nicht Bedingung.

Die einzige Konstante wird sein: alle Fotos werden in Schwarzweiß aufgenommen.

Am Ende sollen eine Ausstellung und ein Buch stehen, in denen je ein Foto mit den drei Sätzen des fotografierten Mannes kombiniert wird. 99-mal.


Wer dabei sein möchte, meldet sich bitte bei mir über die Mailadresse str@schneetalrabe.de.


Das Projekt heißt Eisenhans nach dem gleichnamigen Grimmschen Märchen. Es erzählt von einem wilden Mann in einem Wald, der gefangen und an einen Königshof gebracht und dort gefangengehalten wird. Der Königssohn befreit ihn, bekommt deswegen aber Angst vor seinem Vater und flieht zusammen mit dem Eisenhans. In der Folgezeit dient der Junge dem wilden Mann, muss einige Aufgaben bewältigen und scheitert. Eisenhans schickt ihn fort, verspricht aber, für ihn da zu sein, wenn er Hilfe braucht.

Hinter der Geschichte steckt: Der Junge lernt, mit Instinkten, mit seiner Natur umzugehen und seine Kraft nicht zu missbrauchen. Er lernt den schöpferischem Umgang mit dem Leben. Erst durch diese innere Reifung wird er erwachsen und zum Mann.

Der Name Hans (Kurzform von Johannes) war in Deutschland in früheren Zeiten so häufig, dass er quasi zu einem Synonym für das Wort Mann geworden war. Der Begriff Eisenhans spielt mit der Körperkraft und der Härte der Männer, im physiologischen wie im übertragenen Sinn. Andererseits: In der Kunst gilt Eisen als warmes, lebendiges Material. „Männer sind so verletztlich.“ Hat Grönemeyer auch gesungen.